Etsch

Die Etsch [ɛtʃ] (italienisch Adige [ ˈaːdid͡ʒe], ladinisch Adesc, trentinisch Àdes, rätoromanisch Audio-Datei / Hörbeispiel Adisch?/i, bei den Römern Athesis) ist mit ihren 415 km der zweitlängste Fluss in Italien. Sie entspringt in den Bergen in Südtirol, durchfließt das Etschtal und die Po-Ebene in Oberitalien und mündet südlich der Laguna Veneta in die Adria, ein Seitenbecken des Mittelmeeres.

Die Etsch entspringt in Südtirol am Reschenpass (1550 m, 46° 50′ 7,2″ N, 10° 30′ 53,3″ O), der ihr Stromgebiet von dem des Inn scheidet. Hier nimmt das rund 200 Kilometer lange Etschtal seinen Anfang. Die Etsch durchfließt nahe ihrer Quelle den Reschensee (1482 m) und den Haidersee (1450 m) und gelangt mit raschem Gefälle auf die Malser Haide und die ebene Talsohle von Glurns. Sie fließt ostwärts weiter durch den Vinschgau, überwindet die Talschwelle der Töll und gelangt in den Meraner Talkessel. Nach Meran passiert die Etsch die flachen Talgründe Richtung Bozen.

Quelle bei Reschen

Bei Bozen fließt ihr der vom Brenner kommende, ihr in Wasserführung überlegene Eisack zu, etwa ab hier galt sie traditionell als schiffbar. Die Etsch fließt südlich von Bozen durch das Unterland und verlässt Südtirol durch die Salurner Klause. In der Nähe Roveretos passiert sie eine Stromenge. Bei Mori beginnt der Etsch-Gardasee-Tunnel mit einer Länge von 10 km, der eine Verbindung zum Gardasee herstellt und durch den bei Hochwasser Teile der Etsch in den Gardasee abgeleitet werden können.[2] Kurz vor Verona durchfließt sie die Veroneser Klause (Chiusa di Verona, deutsch veraltet auch Berner Klause – siehe dazu Dietrich von Bern) und tritt anschließend in die Po-Ebene ein. Die flachen Ufer werden nun sumpfig, der Strom selbst schlammig und träge. Der Unterlauf der Etsch ist vielfach mit dem Mündungsgebiet des Po verbunden.

Ein Arm der Etsch zweigt bei Legnago nach Süden zum Tartaro ab und mündet in den Valli Grandi in diesen, ein weiterer Arm verzweigt oberhalb von Castelbaldo nach Süden und fließt als Canale Bianco nach Osten, ist mit dem Po Grande verbunden und fließt schließlich in den Po di Levante. Ein dritter Arm, der Naviglio Adigetto, zweigt bei Badia nach Südosten ab und fließt im Po-Delta diesem zu.

Die Etsch selbst mündet bei Porto Fossone, Provinz Rovigo, in das Adriatische Meer und begrenzt das Po-Delta nach Norden.

Die Etsch ist mit einer Wasserführung von 235 m³/s der viertgrößte Fluss Italiens (nach Po, Ticino und Tiber), sowie nach Länge der zweitlängste (nach dem Po). Sowohl ihr hydrologischer Hauptast als auch ihr längster Fließweg werden nicht über die Etsch selbst gebildet, sondern vielmehr über die Flussfolge Ahr, Rienz und Eisack.

Ab 1869 wurde die Etsch nach Plänen von Martin von Kink im Abschnitt südlich von Meran (Burggrafenamt) und Bozen (Südtiroler Unterland) reguliert und begradigt, wobei die Flussdämme erstmals auf Hochwasserstand gebracht wurden, nachdem der Fluss bereits 1859 im Stadtgebiet von Trient begradigt worden war. 1902 wurde die Flussstrecke des mittleren Vinschgaus, 1905 wurde ergänzend hierzu auch der Abschnitt Naturns-Töll begradigt.[3]

Zur Regulierung der Etschhochwasser im südlichen Trentino wurde 1959 der Etsch-Gardasee-Tunnel eröffnet. Der etwa zehn Kilometer lange Tunnel verbindet die Etsch nördlich von Mori mit dem Gardasee, der Tunnelausgang befindet sich am südlichen Ortsausgang von Torbole. Er wurde seit seiner Eröffnung elfmal genutzt (Stand 2020), dabei wurden 1965 etwa 79.270.800 m³ Wasser in den Gardasee geleitet, was zu einem Anstieg des Gardaseepegels von über 21 cm führte.[4]

Dem Gewässernamen gehen zwei leicht verschiedene Formen voraus. Der antike griechische Geograph Strabon benutzte die Namen Ἀτησῖνος (Athesínos) als auch Ἀταγῖς (Atagis).[5][6]

Athesinos war vermutlich eine antike Bezeichnung parallel zu lateinisch Athesis. Bis heute konnte sich nur Atagis in den Formen Adige, Etsch, Àdes und Adisc erhalten. Es ist möglich, dass diese Namen ursprünglich zwei verschiedene Abschnitte der Etsch bezeichneten. Die Ausgangsform kann als At<i>gin oder At<ik>in rekonstruiert werden.[5][6]

Die Quelle der Etsch ist nicht die beschilderte auf dem Reschenpass, sondern liegt oberhalb des Dorfes Reschen nahe einem Bunker des Vallo Alpino (Alpenwall).

Deutscher Sprachraum (grün) und politische Grenzen um 1841 im Vergleich mit den geographischen Textstellen des „Liedes der Deutschen“

Der Vers „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ aus der ersten Strophe des Liedes der Deutschen bezeichnet bestimmte historische Siedlungsgrenzen der deutschsprachigen Volksgruppen. Das am Oberlauf der Etsch gelegene Südtirol ist nach wie vor mehrheitlich deutschsprachig.

Im Bozner Bergsteigerlied, das als inoffizielle Hymne der Südtiroler gilt, wird der Fluss in der ersten Strophe erwähnt, die wie folgt lautet: „[…] Dort wo aus schmaler Felsenkluft der Eisack springt heraus, von Sigmundskron der Etsch entlang bis zur Salurner Klaus’.“

Der Komponist Felice Carena schrieb 1932 einen Konzertwalzer „Geheimnisse der Etsch“, der zum Standardrepertoire für Blasorchester zählt.

  • Helmut Gritsch: Schiffahrt auf Etsch und Inn. In: Uta Lindgren (Hrsg.): Alpenübergänge vor 1850, Stuttgart: Steiner 1987, S. 47–63. ISBN 3-515-04847-2.
  • Peter Ortner, Christoph Mayr: Die Etsch. Natur- und Kulturbild eines Alpenflusses, Bozen: Athesia 1984. ISBN 978-88-7014359-1.
  • Eugenio Turri: L’Adige: il fiume, gli uomini, la storia, Verona: Cierre 1997. ISBN 88-85923-40-2.
  • Kurt Werth: Geschichte der Etsch zwischen Meran und San Michele. Flussregulierung, Trockenlegung der Möser, Hochwasserschutz, Bozen: Athesia 2014. ISBN 978-88-6839-029-7.
  • Etsch auf der Website der Südtiroler Landesagentur für Umwelt
  1. http://www.peter-hug.ch/lexikon/Etsch
  2. http://www.reschensee.it/index_htm_files/Etschursprung%20Zusammenfassung%20I.pdf
  3. Gesetz- und Verordnungsblatt für die gefürstete Grafschaft Tirol und das Land Vorarlberg. Jg. 1905, XL. Stück, Nr. 75, S. 421ff.
  4. Der Gardaseepegel auf Italienisch (PDF; 2,16 MB), abgerufen am 23. August 2017.
  5. a b Diether Schürr: Namen am Nordrand der Alpen. Die ältesten literarischen Zeugnisse zur Sprachengeschichte des TirolerRaumes und überlebende Toponyme. In: Ladinia. Band 30, 2006, S. 145–184.
  6. a b Christian Kollmann: Rätische Prädialnamen in Südtirol? In: Der Schlern. Band 73, 1999, S. 707–714.

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