Generalvikar

Wappenmuster eines Generalvikars

Ein Generalvikar (lateinisch vicarius generalis, vicarius „Stellvertreter“) ist in der römisch-katholischen Kirche sowie der altkatholischen Kirche (hier auch als Generalvikarin) der Stellvertreter eines Diözesanbischofs und ist für die Verwaltung der Diözese zuständig. Er leitet das Ordinariat[1] oder Generalvikariat[2], die zentrale Verwaltungsbehörde der Diözese.

Vorläufer der Generalvikare waren in der Alten Kirche für die Dauer von dessen Krankheit oder Abwesenheit vorübergehend eingesetzte Vertreter des Bischofs, in etwa nach dem Vorbild der römischen Prokuratoren.[3] Im Mittelalter, etwa ab dem 9. Jahrhundert, wurden die ursprünglich als Vorsteher der Diakone fungierenden Archidiakone mit dem Ausbau der kirchlichen Strukturen in größeren Diözesen zu Vorstehern der Gerichtsbarkeit und Verwaltung eigens festgelegter Bezirke. Bis zum 13. Jahrhundert entwickelten sich die Archidiakone von Mitarbeitern der Bischöfe zu Prälaten mit Amtsvollmachten, die für ihren Bezirk bischofsähnlichen Umfang annahmen und die Jurisdiktion der Bischöfe stark einschränkten. So oblag ihnen neben der Verwaltung die Aufsicht über den Klerus und ein Teil der bischöflichen Gerichtsbarkeit. Mit Beginn des 14. Jahrhunderts wurden die dem Bischof vorbehaltenen Rechte gegenüber den Archidiakonen stärker betont und deren Überhand nehmende Machtfülle eingeschränkt. Als persönliche Vertreter des Bischofs und diesem unmittelbar verantwortlich wurden zunehmend Offiziale für die Gerichtsbarkeit und Generalvikare für die Verwaltung ernannt und damit nach und nach das Archidiakonatswesen zurückgedrängt.[4]

Die Ernennung von Generalvikaren erfolgte zuerst in großen Diözesen Frankreichs und Deutschlands, später auch in Italien und schließlich kirchenrechtlich abgesichert in der gesamten Römisch-katholischen Kirche. Neben der Entlastung der Bischöfe sicherte sie deren Jurisdiktion z. B. während der seit Papst Gregor IX. verpflichtenden Ad-limina-Besuche.[3]

Aufgabe und Vollmacht

Der Codex Iuris Canonici (CIC), das kirchliche Gesetzbuch, widmet den Generalvikaren und Bischofsvikaren einen eigenen Artikel (cann. 475–481 CIC).

Der Generalvikar (vicarius generalis) „unterstützt den Diözesanbischof bei der Leitung der ganzen Diözese“ (Can. 475,1 CIC) und ist dazu nach Maßgabe des geltenden Kirchenrechts mit stellvertretender ordentlicher Gewalt oder Vollmacht (potestas ordinaria vicaria, im Sinne von Can. 131,2 CIC) ausgestattet.

In aller Regel ist nur ein Generalvikar zu ernennen, es sei denn, die Größe der Diözese, die Zahl der Einwohner oder andere pastorale Gründe legen etwas anderes nahe (can. 475 §2 CIC).

Dem Generalvikar kommt kraft Amtes in der ganzen Diözese die ausführende Gewalt (potestas executica) zu, die der Diözesanbischof von Rechts wegen hat, um alle Verwaltungsakte erlassen zu können, ausgenommen jene, die sich der Bischof selbst vorbehalten hat oder die von Rechts wegen ein Spezialmandat des Bischofs erfordern (can. 479 §2 CIC).

Dem Generalvikar kommt also von Amts wegen die Erledigung der allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten zu, wie auch außerdem die Erledigung der Aufgaben, die ihm vom Bischof übertragen worden sind (potestas executica a ordinario delegata, im Sinne von can. 479 §1 CIC). Die Aufgaben und Amtsbefugnisse des Generalvikars sind also immer auch von der Definition und Delegation des jeweiligen Diözesanbischofs abhängig.

Die Aufgaben und Vollmachten eines Generalvikars werden teilweise interpretativ ausgeweitet, indem er als „persönlicher“ Stellvertreter des Diözesanbischofs oder gar als dessen Alter Ego bezeichnet wird. Beide Auffassungen widersprechen jedoch der objektiv-funktionalen Aufgabenstellung, aus der kein persönliches Näheverhältnis abgeleitet werden kann. Trotzdem hat ein Generalvikar als Stellvertreter noch vor den Weihbischöfen das zweithöchste Amt in einer Diözese nach dem des Diözesanbischofs. Er ist jedoch stets von diesem abhängig und hat seinen Anordnungen und Weisungen Folge zu leisten.

Das Amt des Bischofsvikars (vicarius episcopalis) ist dem Generalvikar administrativ gleichgesetzt, hat aber eine jurisdiktionelle Einschränkung auf ein bestimmtes Segment innerhalb einer Diözese. Der Diözesanbischof kann einen oder mehrere Bischofsvikare einsetzen, die in einem genau festgelegten Gebietsteil der Diözese, in einem näher umschriebenen Geschäftsbereich oder für die Gläubigen eines bestimmten Ritus oder eines bestimmten Personenkreises dieselbe ordentliche Gewalt haben, die dem Generalvikar zukommt (can. 476 CIC).

Ein Offizial ist der Vorsteher eines Kirchengerichtes (tribunal ecclesiasticum) und als Gerichtsvikar Vertreter des Diözesanbischofs am Gericht, in dessen Namen er Recht spricht.

Erfordernisse und Amtszeit

Ein Generalvikar muss Priester sein, mindestens 30 Jahre alt und Doktor oder Lizentiat im kanonischen Recht (Lic. iur. can.) oder der Theologie (Lic. theol.), oder wenigstens in diesen Disziplinen wirklich erfahren, „ausgewiesen durch Rechtgläubigkeit, Rechtschaffenheit, Klugheit und praktische Verwaltungserfahrung“ (can. 478 §1 CIC) und mit dem Bischof höchstens im fünften Grad blutsverwandt (can. 478 §2 CIC).

In jeder Diözese ist vom Diözesanbischof ein Generalvikar zu ernennen, der dem Bischof bei der Leitung der ganzen Diözese zur Seite steht (can. 475 §1 CIC). Der Generalvikar wird gemäß can. 477 CIC vom Diözesanbischof frei ernannt und kann von ihm abberufen werden. Die Gewalt des Generalvikars erlischt mit Zeitablauf der Beauftragung, mit Amtsverzicht oder mit Abberufung durch den Diözesanbischof. Da der Generalvikar der Stellvertreter des Diözesanbischofs ist, verliert er bei Tod, Verzicht, Versetzung, Absetzung oder Suspendierung des Diözesanbischofs ebenfalls sofort sein Amt (can. 481 CIC).

Generalvikare in den deutschen Bistümern

Bistum Kirchenprovinz Generalvikar seit
Erzbistum Bamberg Bamberg Georg Kestel 1. April 2006
Bistum Eichstätt Bamberg Michael Huber 1. September 2019
Bistum Speyer Bamberg Andreas Sturm 10. Juni 2018
Bistum Würzburg Bamberg Jürgen Vorndran[5] 21. September 2020
Erzbistum Berlin[6] Berlin Manfred Kollig[7] 1. Februar 2017
Bistum Dresden-Meißen Berlin Andreas Kutschke 12. November 2013
Bistum Görlitz Berlin Alfred Hoffmann 1. September 2012
Erzbistum Freiburg Freiburg Axel Mehlmann 1. Februar 2015
Bistum Mainz Freiburg Udo Bentz 27. August 2017
Bistum Rottenburg-Stuttgart Freiburg Clemens Stroppel 1. Januar 2005
Erzbistum Hamburg Hamburg Ansgar Thim 8. April 2013
Bistum Hildesheim Hamburg Martin Wilk 27. Juni 2019
Bistum Osnabrück Hamburg Ulrich Beckwermert 20. September 2020
Erzbistum Köln Köln Markus Hofmann 1. Mai 2018
Bistum Aachen Köln Andreas Frick 9. Januar 2015
Bistum Essen Köln Klaus Pfeffer[8] 1. November 2012
Bistum Limburg Köln Wolfgang Rösch 23. Oktober 2013
Bistum Münster Köln Klaus Winterkamp 1. Oktober 2018
Bistum Trier Köln Ulrich Graf von Plettenberg 1. Juli 2016
Erzbistum München und Freising München und Freising Peter Beer 1. Januar 2010
Bistum Augsburg München und Freising Harald Heinrich 7. Juni 2020
Bistum Passau München und Freising Josef Ederer 30. Mai 2020
Bistum Regensburg München und Freising Michael Fuchs 26. Januar 2013
Erzbistum Paderborn Paderborn Alfons Hardt 2004
Bistum Erfurt Paderborn Raimund Beck 1. September 2010
Bistum Fulda Paderborn Christof Steinert 1. Januar 2020
Bistum Magdeburg Paderborn Bernhard Scholz 1. September 2016
Deutsches Militärordinariat immediat Reinhold Bartmann

Generalvikare in den österreichischen Bistümern

Bistum Kirchenprovinz Generalvikar seit
Erzdiözese Salzburg Salzburg Roland Rasser 2017
Diözese Feldkirch Salzburg Hubert Lenz 1. September 2019
Diözese Graz-Seckau Salzburg Erich Linhardt
Diözese Gurk-Klagenfurt Salzburg Johann Sedlmaier 3. Februar 2020
Diözese Innsbruck Salzburg Roland Buemberger
Erzdiözese Wien Wien Nikolaus Krasa 2011
Diözese Eisenstadt Wien Michael Wüger ab 30. September 2021
Diözese Linz Wien Severin Lederhilger 18. September 2005
Diözese St. Pölten Wien Christoph Weiss 1. Januar 2021
Militärordinariat immediat Peter Papst 2021
Ordinariat für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich immediat Yuriy Kolasa 2011

Generalvikare in den schweizerischen Bistümern

Bistum Kirchenprovinz Generalvikar seit
Bistum Basel immediat Markus Thürig
Bistum Chur immediat Martin Grichting 8. Dezember 2009
Bistum Lausanne, Genf und Freiburg immediat Rémy Berchier
Bistum Lugano immediat Ernesto Storelli
Bistum Sitten immediat Richard Lehner

Pierre-Yves Maillard

Bistum St. Gallen immediat Guido Scherrer
Kloster Einsiedeln immediat P. Daniel Emmenegger OSB 9. April 2018
Abtei Saint-Maurice immediat Roland Jaquenoud

Generalvikare in Ordensgemeinschaften

Ordensgemeinschaften, die an ihrer Spitze einen Generaloberen haben, kennen für dessen Stellvertreter ebenfalls den Titel Generalvikar. In diesem Kontext gibt es in einigen Schwesternkongregationen auch Generalvikarinnen.

Auch exemte Abteien, die kirchenrechtlich als eigene Teilkirchen gelten, kennen als Stellvertreter des (Territorial-)Abtes einen Generalvikar.

Militärseelsorge

Da die Militärseelsorge in der Regel einem eigenen Militärordinariat unterstellt ist, das rechtlich somit eine eigene Teilkirche bildet, hat dieses auch einen eigenen Generalvikar, der als Stellvertreter des für das Militär zuständigen Diözesanbischofs bzw. Militärbischofs fungiert.

In der Anglikanischen Kirche ist ebenfalls die Amtsbezeichnung vicar general üblich. Im Gegensatz zur Römisch-katholischen Kirche wird ein anglikanischer Generalvikar jedoch nur bei Verhinderung des Bischofs tätig.

Die Generalvikarin des katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland ist Anja Goller.[9][10] Die Generalvikarin ist ständige Stellvertreterin des Bischofs.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit bezeichnete man mit Vikar auch die Stellvertreter weltlicher Machthaber. Der Generalvikar insbesondere war der Stellvertreter des Königs oder Kaisers in einem Gebiet, das keiner direkten herzoglichen Gewalt unterstand.

  • Vikar/Vikarin I. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 35, de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017781-1, S. 85 f.
  • Heinrich Molitor: Der Kompetenzbereich von Generalvikar und Offizial der Erzdiözese Köln während des 17. und 18. Jahrhunderts. Köln 1960.
  1. Zum Beispiel: Ordinariat | Katholische Kirche Steiermark. Abgerufen am 31. März 2021.
    Erzdiözese Wien. Abgerufen am 31. März 2021.
    Erzbistum München und Freising. Abgerufen am 31. März 2021.
  2. Zum Beispiel: Erzbischöfliches Generalvikariat Köln | Erzbistum Köln. Abgerufen am 31. März 2021.
  3. a b E. Rösser: Generalvikar. In: Josef Höfer, Karl Rahner (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 2. Auflage. Band 4. Herder, Freiburg im Breisgau 1960, Sp. 667–668.
  4. Hans Wolter: Kirchenrecht und kirchliche Verwaltung im 13. Jahrhundert. In: Hubert Jedin (Hrsg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Die Mittelalterliche Kirche: Vom Hochmittelalter bis zum Vorabend der Reformation. Band III/2. Herder, Freiburg im Breisgau 1985, ISBN 3-451-20454-1, S. 293.
  5. Jürgen Vorndran tritt Amt des Generalvikars in Würzburg an. Abgerufen am 20. Dezember 2020.
  6. siehe auch: Liste der Berliner Generalvikare.
  7. Erzbistum Berlin: Generalvikar. Abgerufen am 15. März 2017.
  8. Domkapitular Klaus Pfeffer: Erst Journalist – dann Priester Artikel vom 1. November 2021 auf der Webseite bistum-essen.de. Abgerufen am 18. Mai 2021.
  9. Generalvikarin Eintrag auf der Webseite alt-katholisch.de. Abgerufen am 15. September 2020.
  10. Erstmals eine Generalvikarin – Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland. Abgerufen am 15. September 2020 (deutsch).

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