Setukesen

Die Setukesen (deutsch auch Setu oder Seto; setukesisch setoq, estnisch setud) sind eine ethnische Minderheit im Grenzland zwischen Russland und Estland. Sie werden von manchen Wissenschaftlern als ein Volksstamm der Esten betrachtet. Von den Russen unterscheiden sie sich durch ihre finno-ugrische Sprache, das Setukesische (seto kiilŽ). Im Gegensatz zu den traditionell lutherischen Esten sind die Setukesen vornehmlich orthodoxen Glaubens. Heute gibt es nach SchÀtzungen noch etwa 10.000 Personen, die sich zur setukesischen Volksgruppe bekennen.

Die Setukesen leben traditionell in der historischen Region Setumaa im SĂŒdosten Estlands und Nordwesten Russlands nahe dem Peipussee. Setumaa liegt in den heutigen Landkreisen PĂ”lvamaa und VĂ”rumaa in Estland sowie der Oblast Pskow in Russland. Die Zahl der Setukesen wird in Estland auf ca. 10.000 geschĂ€tzt, wovon 3.000 bis 4.000 im SĂŒdosten Estlands leben. Bei der estnischen VolkszĂ€hlung von 2000 konnte die Volkszugehörigkeit „Setukese“ nicht angegeben werden. Bei der russischen VolkszĂ€hlung 2002 bekannten sich nur 197 Menschen zur setukesischen NationalitĂ€t.[1]

Das Volk der Setukesen lebte historisch am Peipussee und an den FlĂŒssen Piusa und MĂ€dajĂ”gi, die die Grenze zwischen Livland und Russland bildeten. Die Piusa fließt von mehreren Stromschnellen unterbrochen durch eine Wiesenlandschaft bis zum Pihkvasee. Im Mittelalter verliefen hier wichtige Handelswege zu Land und zu Wasser. Charakteristisch fĂŒr das Siedlungsgebiet der Setukesen sind sandige und wenig ertragreiche Böden. Landschaftlich prĂ€gend sind daneben die zahlreichen KiefernwĂ€lder.

GrĂ¶ĂŸere Gutshöfe mit reprĂ€sentativen HerrenhĂ€usern, wie sie fĂŒr die deutschbaltische Geschichte Estlands und Livlands prĂ€gend waren, kommen in Setumaa kaum vor. Das Land stand meist im Eigentum des Staates oder des Mönchsklosters von Petschory (deutsch Petschur, estnisch Petseri), das es an die lokalen Bauern und Fischer verpachtete. Es dominieren in der bĂ€uerlichen Kultur der Setukesen wehrhafte, geschlossene Höfe mit den charakteristischen hohen Bretterpforten und Haufendörfer. Sie waren frĂŒher als befestigte Anlagen gegen Angriffe konzipiert. Alle GebĂ€ude stehen eng beieinander.

Zentrum der setukesischen Gemeinschaften waren die orthodoxen Kirchen und die kleinen Dorfkapellen (tsÀssonad). Ein tsÀsson wird traditionell aus Holz errichtet. Im Inneren finden sich neben den obligatorischen Heiligenbildern Kerzen und Blumen. Am Dach des Hauses ist ein kleines Kreuz angebracht.[2] Jede Kapelle hat ihren eigenen Schutzengel bzw. -heiligen.

Die Setukesen siedelten vermutlich bereits vor 600 nach Christus im Gebiet des heutigen Setumaa. In alten russischen Chroniken werden die Setukesen unter dem Begriff Tschuden mit anderen finno-ugrischen Völkern der Region zusammengefasst.[3] Ab dem frĂŒhen Mittelalter drĂ€ngten immer stĂ€rker slawischsprachige StĂ€mme nach Nordosten vor. Dabei kam es zu einer Vermischung mit mehreren Volksgruppen und deren Vorstellungswelten. Die finno-ugrisch sprechenden Esten wurden zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert zum Christentum bekehrt, als das katholische DĂ€nemark und der Deutsche Orden die Herrschaft ĂŒber Livland ausĂŒbten. Insbesondere das katholische Bistum Dorpat mit seinem Zentrum Tartu ĂŒbte Druck auf die Setukesen fĂŒr einen Übertritt zum katholischen Glauben aus.

Die Setukesen, die im Einflussbereich Nowgorods lebten, blieben zunĂ€chst Heiden. Erst im 15. Jahrhundert konvertierten die Setukesen endgĂŒltig zum orthodoxen Glauben. Sie behielten aber zahlreiche heidnische BrĂ€uche bei, so dass die religiöse Kultur der Orthodoxie zunĂ€chst nur oberflĂ€chlich wirkte. Die Kontakte zwischen Esten und Setukesen brachten aber auch viele EinflĂŒsse des Katholizismus in die setukesische Kultur.

Die Setukesen beschreiben selbst ihre Lage im Grenzland beider rivalisierenden religiösen wie politischen MĂ€chte mit dem berĂŒhmten setukesischen Ausdruck katĂ” ilma veere pÀÀl („An der Grenze zweier Welten“).[4] Von 862 bis 1920 gehörte der Großteil des setukesischen Siedlungsgebiets zum russischen Reich. Am 24. Februar 1918 erklĂ€rte Estland in den Wirren des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolution seine staatliche UnabhĂ€ngigkeit von Russland. Im Friedensvertrag von Tartu (deutsch Dorpat) fiel Setumaa an Estland. Es wurde als Landkreis Petserimaa in den neuen estnischen Staatsverband inkorporiert. Allerdings blieb das orthodoxe Setumaa im lutherischen Estland eher ein kultureller Fremdkörper.

Die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts können als BlĂŒtezeit der setukesischen Kultur bezeichnet werden. Um 1905 erreichte die Zahl der Setukesen vermutlich ihren Höhepunkt. Bei der estnischen VolkszĂ€hlung 1934 bekannten sich 15.000 Menschen zu ihrer setukesischen IdentitĂ€t. Erst in den 1930er Jahren ĂŒbte eine Estnisierungspolitik des sich zunehmend zentralistisch und autoritĂ€r entwickelnden estnischen Staates wachsenden Druck in Richtung einer Assimilierung an die estnischen Bevölkerungsmehrheit aus.

1940 besetzte die Sowjetunion Estland und leitete eine fĂŒnfzigjĂ€hrige Phase der Repression ein, die alle Minderheiten in der Sowjetunion betraf. Die setukesische Kultur unterlag von nun an zahlreichen EinschrĂ€nkung durch das kommunistische Regime. Traditioneller Silberschmuck in Familienbesitz wurde enteignet. Setukesischer Sprachunterricht in den Schulen wurde abgeschafft. Setukesische Bauernhöfe wurden in Kolchosen zusammengelegt und der Planwirtschaft unterworfen. Nicht wenige Setukesen wurden wĂ€hrend der Stalin-Zeit – wie auch ein bedeutender Teil der estnischen Bevölkerung – ins Innere der Sowjetunion deportiert. 1944 wurde die Grenze zwischen der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik und der Russischen SFSR von Moskau neu gezogen. Sie durchschnitt zum ersten Mal in der Geschichte Setumaas das setukesische Siedlungsgebiet. Allerdings spielte die Republiksgrenze innerhalb der Sowjetunion fĂŒr das tĂ€gliche Leben der Setukesen kaum eine Rolle.

Seit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und der Wiedererlangung der estnischen UnabhĂ€ngigkeit im August 1991 teilt die estnisch-russische Staatsgrenze das traditionelle Siedlungsgebiet der Setukesen. Sie erschwert die Kontakte zwischen den Setukesen beiderseits der Grenze und den Zugang zu den kulturellen StĂ€tten und Friedhöfen. Die Republik Estland hat die Grenzziehung von 1944 de facto anerkannt. Ein entsprechendes Grenzabkommen mit Russland wurde allerdings vom russischen Parlament noch nicht ratifiziert. Nach dem Beitritt Estlands zur EuropĂ€ischen Union ist die Staatsgrenze eine EU- und Schengen-Außengrenze geworden.

Heute sind die kulturellen und politischen Rechte der Setukesen in der Republik Estland voll gewĂ€hrleistet. Die grĂ¶ĂŸte Herausforderung der setukesischen Kultur bilden heutzutage die zunehmende Globalisierung und die Landflucht der jĂŒngeren Bevölkerung, die die setukesischen Dörfer mehr und mehr entvölkert. Ein bedeutender Teil der Setukesen lebt bereits heute in den beiden grĂ¶ĂŸten estnischen StĂ€dten, Tallinn und Tartu.

Die Setukesen sind wie Esten, Finnen und Ungarn ein finnougrischsprachiges Volk. Das Setukesische gehört der ostseefinnischen Sprachengruppe an. Es ist eng mit dem (SĂŒd-)Estnischen verwandt, dem es manche Sprachwissenschaftler ganz zurechnen.

Esten und Setukesen verstehen einander sprachlich eher schwer. Alle in Estland lebenden Setukesen beherrschen allerdings das Estnische. In 26 estnischen Schulen wird heute Setukesisch bzw. SĂŒdestnisch unterrichtet. Allerdings sind die Behörden und Gerichte einsprachig estnisch bzw. in Russland einsprachig russisch.

Setukesische Tracht mit silbernem Brustschild (2. v. r.)

Die Setukesen haben bis heute ihre eigene Kultur und IdentitĂ€t bewahrt. Die traditionelle setukesische Gesangskunst, Leelo, wurde 2009 in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mĂŒndlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen. Das Liedgut wird von Generation zu Generation weitergegeben. Seit 1977 existiert ein setukesisches Musikfestival.

Die setukesischen Frauen tragen besonders zu festlichen AnlĂ€ssen wie Hochzeiten und Kirchenfesten ihre farbentrĂ€chtige Tracht. Auffallend ist der reiche Silberschmuck, oft in Form von MĂŒnzen und als großer, konisch geformter Brustschild (suur solg). Dieser wird nur von verheirateten Frauen getragen. Die SchmuckstĂŒcke werden innerhalb der Familie von Generation zu Generation vererbt. Das Gesamtgewicht kann bis zu 6 kg betragen. Bekannt sind auch die Handarbeiten der Setukesen mit ihren traditionellen Mustern, die die SĂ€ume von gewobenen GĂŒrteln, KopftĂŒchern, Schals und die traditionellen Blusen der Frauen (hamĂ”h) schmĂŒcken. Setukesische MĂ€nner tragen die mit roten Ornamenten geschmĂŒckten Hemden ĂŒber der Hose. Auffallend sind die bunten und reichlich gemusterten Wollsocken.

Zu den traditionellen Dorffesten (kirmas oder kirmask) mit ihren zahlreichen TĂ€nzen und LiederauffĂŒhrungen wird Tracht getragen. Die Dorffeste fallen meist mit religiösen Festen zusammen. Beim traditionellen setukesischen Tanz (kargus) bleiben MĂ€nner und Frauen streng getrennt. Traditionelle Musikinstrumente wie Bajan und Garmon spielen auf, gelegentlich auch die Kannel.

In Obinitsa widmet sich ein 1998 gegrĂŒndetes Museum der setukesischen Kultur. Eine 1974 eröffnete Außenstelle befindet sich in Saatse. Auf der russischen Seite der Grenze findet sich ein Seto Museum in Sigova (Gemeinde Pankjewitza, Rajon Pskow).[5] Es ist eine Filiale des Museums der Festung Isborsk.

Flagge von Setomaa

Alle drei Jahre kommt der Seto-Kongress zusammen. Er setzt sich aus Vertretern der setukesischen Dörfer und Organisationen zusammen. Der Seto-Kongress wĂ€hlt einen 13-köpfigen Ältestenrat mit rotierendem Vorsitz, der offiziell die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Interessen der Setukesen nach außen vertritt.[6] Der IX. Seto-Kongress fand im November 2008 in VĂ€rska statt.

Setumaa besteht seit der Verwaltungsreform aus der neu gebildeten Gemeinde Setomaa. Davor waren die 4 Gemeinden Setumaas MikitamÀe, VÀrska, MeremÀe und Misso und waren in der Union der Gemeinden von Setumaa (estnisch Setomaa Valdade Liit) zusammengeschlossen. Er gibt die Zeitung Setomaa heraus, die teils in estnischer, teils in setukesischer Sprache erscheint.

Seit 1994 wĂ€hlen die Setukesen auf dem kuningrii („Königreich“), einem jĂ€hrlichen Festtag, wieder ihren spirituellen „König“ (sootska), der als symbolischer kultureller AnfĂŒhrer die Angelegenheiten der Gemeinschaft vertritt. Diese Tradition war wĂ€hrend der Sowjet-Zeit verboten und erfreut sich heute als Fest mit Gesang und Tanz großer Beliebtheit, auch unter den Besuchern Setumaas.

Vor der Bekehrung zum Christentum, die vom 10. bis zum 13. Jahrhundert dauerte, waren die Setukesen – wie die anderen finno-ugrischen Völker – Heiden, die einem starken Naturglauben anhingen. Einen großen Einfluss auf die christliche Durchdringung spielte das 1473 gegrĂŒndete russisch-orthodoxe Kloster von Petschory.

Die Setukesen sind im Gegensatz zu den evangelisch-lutherischen Esten orthodoxen Glaubens. Eine stille Ecke mit orthodoxen Ikonen und Heiligenbilder (pĂŒhasenulk) prĂ€gen jeden setukesischen Haushalt. Die Verehrung der Vorfahren ist lebendig. Hinzu kommt die große Bedeutung der Friedhöfe und alten GrabstĂ€tten. In der traditionellen setukesischen Vorstellungswelt gibt es keine scharfe Trennung zwischen der realen Welt und dem ÜbernatĂŒrlichen. Die (Volks-)Religion ist ein untrennbarer Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens und der setukesischen Kultur.

Eines der höchsten religiösen Feste der Setukesen, Paasabar, wird jĂ€hrlich drei Tage lang in Obinitsa nahe der Grenze zu Russland gefeiert.[7] Setukesen aus ganz Estland und Russland reisen hierzu an. Nach einem orthodoxen Gottesdienst fĂŒhrt eine Prozession zum See, an dem göttlicher Segen erbeten wird. Am folgenden Tag findet eine Gedenkfeier auf dem Waldfriedhof von Obinitsa statt. Dort essen die GlĂ€ubigen ĂŒber den GrĂ€bern der Vorfahren und lassen Speisen und GetrĂ€nke zurĂŒck.

Besondere Bedeutung hat bei den Setukesen die Verehrung der heidnischen Fruchtbarkeits- und Erntegottheit Peko. Er wird als Nationalsymbol der Setukesen gesehen. Nach Peko ist auch das setukesische Nationalepos benannt. Es wurde von dem Folkloristen Paulopriit Voolaine (1899–1985) kompiliert, der sich auf die legendĂ€re setukesische VolkssĂ€ngerin Anne Vabarna (1877–1964) stĂŒtzte. Vabarna verfĂŒgte ĂŒber ein Repertoire von ca. 100.000 Verszeilen, konnte aber nicht schreiben. Ein von dem estnischen Bildhauer Elmar Rebane geschaffenes Denkmal fĂŒr Vabarna steht heute im Dorf VĂ”polsova (Landgemeinde VĂ€rska).[8]

  • Peko. Setu rahvuseepos. Setukaiseepos. The Setu Epic. Laulanut-Laulnud-Sung by Anne Vabarna. Toimittaneet-toimetanud-edited by Paul Hagu & Seppo Suhonen. Kuopio 1995.
  1. ↑ http://www.perepis2002.ru/ct/doc/English/4-1.xls
  2. ↑ http://www.setoturism.ee/?lang=est&m1=33&obj=120
  3. ↑ http://www.setoturism.ee/?lang=est&m1=33&obj=118
  4. ↑ Development of the Seto area. (pdf, 1,1 MB) Gemeinde VĂ€rska, 10. Mai 2004, S. 2, archiviert vom Original am 10. Juli 2007; abgerufen am 18. MĂ€rz 2019 (englisch, Setumaa und die Setukesen).
  5. ↑ http://www.setoturism.ee/?lang=est&m1=18&obj=180
  6. ↑ http://www.setomaa.ee/index.php?id=6e2713a6efee97bacb63e52c54f0ada0
  7. ↑ http://www.passportmagazine.ru/article/450/
  8. ↑ Thea Karin: Estland. Kulturelle und landschaftliche Vielfalt in einem historischen Grenzland zwischen Ost und West. Köln 1994 (= DuMont Kunst- und LandschaftsfĂŒhrer) ISBN 3-7701-2614-9, S. 247

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